Ungarn will mehr Kinder – aber nicht von Migranten – Interview mit der Zeitschrift – Die Welt

Ungarn will mehr Kinder – aber nicht von Migranten – Interview mit der Zeitschrift – Die Welt

 

Ungarns Familienstaatssekretärin Katalin Novak will die Geburtenrate im Land bis zum Jahr 2030 auf 2,1 deutlich erhöhen. Aber ohne Migrantenkinder, denn sie sagt, man brauche „Qualität statt Quantität“.

Katalin Novak ist so etwas wie das neue Aushängeschild der Regierung von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán. Ihm wird nachgesagt, er halte nichts von Frauen in der Politik. Aber in der Nacht seines triumphalen Wahlsieges im vergangenen April stand eine Frau neben ihm, als er seine Siegesrede hielt – Katalin Novak.

Wenige Tage später formulierte er sein strategisches Ziel für die nächsten Jahre: Die Geburtenrate kräftig zu steigern, von durchschnittlich 1,5 Kindern pro Frau auf 2,1. Soviel sind nötig, damit eine Gesellschaft sich zahlenmäßig reproduziert. Dieses ehrgeizige, in Europa fast unmöglich scheinende Ziel soll Novak für ihn erreichen.
In den meisten europäischen Ländern „fehlt der Mut“, solche Ziele auch nur zu formulieren, sagt sie in ihrem Büro.

„Dabei wäre es nötig.“ Es sei „historisch abnormal, dass es mehr Erwachsene als Kinder und Jugendliche gibt. Nur in Europa ist das so, und erst seit ein paar Jahrzehnten. Es ist wichtig, auszusprechen: Wir können nicht hinnehmen, dass wir eine alternde Gesellschaft sind.“

Nun folgen schwere Vorwürfe an die Adresse westlicher Politiker. „Es gibt kein einziges Land in Europa, in dem genügend Kinder geboren werden“, sagt die 41-Jährige, die selbst drei Kinder hat und bedauert, dass es nicht vier wurden. „Trotzdem sieht man die Lösung in der westlichen Hälfte Europas nicht darin, das Kinderkriegen zu unterstützen.

Die westeuropäischen Politiker stellen nicht die einfache Frage, warum junge Leute nicht mehr Kinder bekommen wollen. Sie entscheiden sich vielmehr für den einfacheren Weg: Anstatt die europäischen Familien zu stärken, wollen sie das Problem durch Einwanderung bewältigen.“

Dennoch glaubt die Staatssekretärin, deren Aufgabengebiet in anderen Ländern eher dem eines Ministers entspräche, dass die Geburtenrate im Westen eher steigen dürfte als im Osten: Weil dort „mehr Menschen mit Migrationshintergrund sind, die auch mehr Kinder bekommen“.

Das sei aber keine Lösung der Geburtenkrise, sondern ein neues Problem: Es werde „mit schwerwiegenden gesellschaftlichen Veränderungen einhergehen, die zu Parallelgesellschaften führen können. Für uns ist dies nicht nur eine Frage der Quantität, sondern auch der Qualität. Wir wollen über die Stärkung der Familien unsere eigene, ungarische Kultur wahren und festigen.“

Eine Aussage wie diese – lieber ungarische als Ausländerkinder – ist einer der Gründe, warum Orbán seiner Staatssekretärin „Courage“ bescheinigt. Sie scheut sich nicht, kraftvoll seine Linie einer Identitäts-zentrierten, national gesinnten Politik zur Grundlage ihrer Bevölkerungsstrategie zu machen. Bei aller Nähe zu Orbán gilt sie aber als Entdeckung des früheren Ministers für Humanressourcen (und Orbán-Seelsorgers) Zoltán Balog, und pflegt, wie er, enge Beziehungen zur deutschen CDU.

Die Ursache für Europas Geburtenkrise sieht die stellvertretende Fidesz-Vorsitzende im Wertesystem. Eine „individualistische Grundhaltung“ habe viel beigetragen zur Abnahme der Bereitschaft, Kinder zu wagen.

Kritik an später Entscheidung für Kinder

Noch vor einigen Jahrzehnten „war es üblich, erst zu heiraten und dann in den Beruf zu starten. Jetzt ist es umgekehrt, erst studieren, dann Beruf, dann Familie. So kommt das erste Kind immer später, was zu Fruchtbarkeitsproblemen führt, und natürlich tut man sich schwerer, mit 40 Jahren eine Familie zu gründen als mit 20“, sagt die Staatssekretärin.

Dennoch zeigten Umfragen, dass in Ungarn sowohl Frauen als auch Männer sehr viel mehr Kinder wollten, als sie tatsächlich in die Welt setzen. Die Lösung: „Die Regierung muss ihnen helfen, Hürden abzubauen.“ Und diese Hürden sind, bei aller Betonung des Wertesystems, letztendlich doch eher materieller Art: Es geht um Geld und Karrierechancen.

Allein eine Milliarde Euro jährlich gewähre die Regierung den Familien an Steuererleichterungen, und 1,6 Milliarden Euro seien bislang in das neue Baukindergeld geflossen, das mehr als 90.000 Familien in Anspruch genommen hätten. Die Regierung habe auch die Zahl der Krippen- und Kindergartenplätze stark ausgeweitet: „Jede Gemeinde, in der mindestens 40 Kinder unter drei Jahren leben, muss jetzt eine Kita haben.“

Und bringt das alles was? Immerhin regiert Ministerpräsident Orbán seit 1998 mit Unterbrechung schon zwölf Jahre. Novak zitiert Orbán: Es sei so, „als würde man einen Ozeandampfer umdrehen – das Schiff schlägt nur sehr langsam die neue Richtung ein“. Seit 2010 habe man die Familienförderung verdoppelt. Tatsächlich steht Ungarn mit 4,7 Prozent des BIP für solche Zuwendungen an der Spitze der EU. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 2,5 Prozent. Es gibt durchaus erste Erfolge, auch wenn diese, Experten zufolge, Teil eines allgemeinen Trends in Europa sind, etwas mehr Kinder zu gebären. „Seit dem historischen Tiefpunkt von 1,24 im Jahr 2001 ist die Geburtenrate um 20 Prozent gewachsen, auf jetzt 1,49“, sagt Novak.

Die Zahl der Eheschließungen sei so hoch wie seit 20 Jahren nicht – anderthalb mal mehr als 2010. Umfragen belegen, dass heute neun von zehn Jugendlichen grundsätzlich heiraten und mehrere Kinder haben wollen. Das ist die entscheidende Information, auf die sie setzt: Wenn es gelingt, dass aus den Kinderwünschen der jungen Menschen tatsächlich Kinder werden, ist für sie das Problem gelöst.

Die Regierung hat Novaks Politik inzwischen zum Thema einer umstrittenen „nationalen Konsultation“ gemacht. Wozu das gut sein soll, und ob man das Geld dafür nicht besser den Familien geben sollte, solche Fragen findet Novak „trivial“, denn „alles Geld könnte man auch anders ausgeben“. Die Regierung lege Wert auf die Meinung der Menschen.

Die Maßnahme dient auch der Wertebildung: „Wir machen solche Konsultationen, um wichtige Themen zum Gegenstand des öffentlichen Diskurses zu machen – und erhalten dadurch kluge Anregungen seitens der Bürger.“ Zudem wolle die Regierung ein starkes Mandat für die Familienpolitik, die letztlich den Steuerzahler auch viel kostet.

Den oft zitierten Widerspruch zwischen verschiedenen Konzepten der Familienpolitik – braucht es mehr Wertbewusstsein oder mehr Geld? – findet die Staatssekretärin gekünstelt: „Beides ist nötig. Wer sich für Kinder entscheidet, muss spüren können, dass auch die Gesellschaft Kinder als Wert betrachtet. Ohne Geld geht das aber nicht.“ Übrigens hilft bei ihr daheim der Mann mit den Kindern, sonst könnte die nationalkonservative Politikerin den Job gar nicht machen.